Sie sind hier
In den vergangenen Monaten, ja sogar Jahren, ist es sehr ruhig um dieses Thema Wissensmanagement geworden. Bei einer oberflächlichen Betrachtung könnte man leicht zu dem Schluss gelangen, dass es sich beim Thema Wissensmanagement ebenso um eine kurzzeitige Modeerscheinung gehandelt hat, wie bei vielen anderen Managementthemen vor und vermutlich auch noch nachher. Hat Wissensmanagement heute wirklich keine Bedeutung mehr, oder gibt es andere Gründe?
In diesem Beitrag möchte ich auf die möglichen Ursachen eingehen, die aktuelle Situation in Unternehmen kurz beschreiben und skizzieren, wie es zukünftig mit dem Thema weitergehen könnte.
1. Mögliche Ursachen
-
Das Schicksal jeder guten Managementmode:
Jede neue Managementmethode erfährt gerade in der Anfangsphase ein starkes und zunehmendes Interesse. Neue Managementthemen bieten Wissenschaftlern die Möglichkeit, sich neuen Themen zu widmen und sich dort als Experten, abseits der bereits belegten Themen zu platzieren. Das zunehmende wissenschaftliche Interesse am Thema Wissensmanagement sprang dann auf die Wirtschaft über, denn es wurden existierende Problem adressiert. Unter derartigen Voraussetzungen kann ein Thema schnell zum Modethema werden, das plötzlich "in aller Munde" ist. Nach einiger Zeit lässt dieses "übermäßige" Interesse nach und reduziert sich auf ein Normalmaß. Nach anfänglicher Euphorie kann dabei auch schnell eine zunehmende Ernüchterung folgen, die zunächst auch zu einer verstärkten Abkehr führen kann. Nach einiger Zeit pendelt sich das Interesse dann aber auf ein Normalmaß ein. Als ähnliches Beispiel kann das Thema E-Commerce angeführt werden, dass Ende der 90er Jahre euphorisch diskutiert wurde, dann fast gänzlich in der Versenkung verschwunden war und in der Zwischenzeit selbstverständlicher Bestandteil des Internet und vieler Geschäftsmodelle geworden ist. Eine ähnliche Entwicklung ist beim Thema Wissensmanagement zu erkennen. Nach einem ersten euphorischen „Hype“ kam die Ernüchterung. Wie anschließend noch genauer dargestellt wird, befinden wir uns gerade auf dem Weg der Normalisierung.
-
Begrifflichkeit, Abstraktionsgrad, Themenvielfalt
Ein weiteres Problem sehe ich in der Begrifflichkeit selbst und dem Abstraktionsgrad des Begriffs „Wissen“. Alleine über den Begriff Wissen gibt es heute eine Vielzahl an Bücher. Je nach explizit genannter oder implizit vorhandener Definition des Wissensbegriffs kann damit vom allgemeinen Informationsmanagement bis zum speziellen, personengebundenen Fachwissen alles gemeint sein. In vielen Publikationen wurde versäumt eine nur annähernd saubere Definition des Wissensbegriffes vorzunehmen, so dass sich jeder Leser etwas anderes unter dem Begriff Wissen vorstellen konnte. Hat man dann eine einigermaßen einheitliche Begriffsdefinition vorgefunden, steht man immer noch vor dem Problem des eigentlichen Begreifens. Beim „Wissen“, wie auch immer definiert, handelt es sich um einen abstrakten, meist immateriellen Begriff, den man im Unternehmen nicht ohne weiteres sehen und anfassen kann. Dieses banale aber grundlegende Problem trägt nicht unwesentlich dazu bei, dass nicht jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, sofort damit umgehen kann und praxisrelevante Schlussfolgerungen ziehen kann. Unsere bisherige Arbeitswelt war über Jahrhunderte von materiellen Dingen geprägt und wandelt sich erst seit einigen Jahren in eine Welt, in der zunehmend immaterielle Dinge eine Rolle spielen. Den Umgang mit einer derartigen Entwicklung müssen wir erst noch lernen. Im Laufe der Forschung und Anwendung des Wissensmanagements hat sich eine sehr, sehr breite Themenvielfalt gebildet, die das Thema teilweise unüberschaubar und an den Grenzen auch verschwimmen lässt. Neben den ursprünglichen Themen zum Umgang mit Wissen und Erfahrungen, kamen dann schnell die Themen Kompetenzmanagement, Aus- und Weiterbildung, Lernprozesse, Psychologie des Lernen und Vergessens, aber auch Prozess-Wissen, Wissensprozesse, Wissensmanagement-Technologie, Wissenssicherung, Wissensverteilung und vieles mehr hinzu. Wissensmanagement umfasst, bei einer weiten Definition heute eine ähnliche Bandbreite wie der Begriff IT. Mit dieser Themenvielfalt wird das eigentliche Anliegen der Managementmethode aber immer schwerer greifbar.
-
Langfristiger Nutzen
Wissensmanagement beschäftigt sich, wie der Name schon sagt, mit dem Wissen, den Erfahrungen, Kompetenzen der Mitarbeiter und dem Umgang mit diesen immateriellen Faktoren in Organisationen. Diese Elemente zeichnen sich vor allem durch eine mittel- bis längerfristige Entwicklung aus. Wesentlicher Wissensträger, mal abgesehen von explizitem Wissen, soweit dies durch die verwendete Definition des Wissensbegriffes noch mit enthalten ist, ist der Mensch. Management von Wissen bedeutet damit immer auch Führung von Menschen. Alle Maßnahmen, die zu einem veränderten Umgang mit der Ressource Wissen führen sollen sind daher auch immer eine Stück weit Mitarbeiterführung. Wie wir aus verschiedenen Studien „wissen“, sollten nachhaltige Verhaltensänderungen immer mittelfristig bis langfristig angelegt sein. Damit Wissensmanagement erfolgreich sein kann benötigt man deshalb diese mittel- bis langfristige Perspektive, die bei Quartalsberichten und häufig wechselnden Vorstandsvorsitzenden oftmals nicht gegen ist. Andererseits wurde versäumt, verstärkt auch auf den kurzfristigen Nutzen hin zu weisen und diesen für die Anwender klar darzustellen.
- Anfängliche Technikgläubigkeit
-
Wenn man sich die Entwicklung des Wissensmanagements einmal genauer ansieht, stellt man schnell fest, dass die Ursprünge oftmals aus der IT oder dem IT-Umfeld kamen. Begriffe wie „Wissensdatenbanken“, „Wissens-Portale“ oder „Wissensmanagement-Systeme“ haben die frühe Entwicklung des Themenfeldes maßgeblich geprägt. Hinter dieser Entwicklung stand zunächst der (Irr-)Glaube, dass sich viele Probleme, die im Wissensmanagement adressiert wurden, durch die sich neu entwickelnden IT-Technologien lösen lassen. Obwohl diese Hoffnung ja nicht ganz unberechtigt waren und einige Probleme im Wissensmanagement wirklich mit neuen Technologien und dem Internet reduziert werden konnten, hat man lange Zeit den Menschen als maßgeblichen Wissensträger mit seinen Bedürfnisses, Möglichkeiten, Erwartung zu weit außer Acht gelassen. Gerade in der Anfangszeit scheiterten teure Wissensmanagementsysteme oft an der fehlenden Einbindung der Wissensträger und dem Glauben, dass alles Wissen in Datenbanken abgespeichert werden kann und dies auch noch wirtschaftlich sinnvoll ist. Das wirtschaftliche Scheitern dieser großen IT-Wissensmanagement-Projekte wurde dann auch gleich dem gesamten Wissensmanagement angehaftet. Erst im Laufe der Entwicklung wurde deutlich, dass auch im Wissensmanagement, die IT nur eine unterstützende Funktion hat und Wissensmanagement auch unabhängig von IT erfolgen kann. Dennoch ist das Scheitern der IT-Wissensmanagement-Projekte heute noch tief in den Köpfen vieler Unternehmer verankert.
-
Fehlende Nutzenbeschreibung
Obwohl der mittel- bis langfristige Nutzen von Wissensmanagement den meisten Personen sofort einleuchtet, wurde vielfach versäumt, auch kurzfristige operative Vorteile transparent darzustellen. Gerade aus wissenschaftlicher Perspektive wird oft nur vermittelt, dass Wissensmanagement das langfristige Überleben sichert, konkrete, operative Vorteile wurden eher seltener genannt. Neben direktem positivem Nutzen sei an dieser Stelle aber auch auf den Aspekt der Verringerung oder Vermeidung von Schäden durch angewandtes Wissensmanagement hingewiesen. Die Verfügbarkeit des richtigen Wissens an der richtigen Stelle zum richtigen Zeitpunkt trägt wesentlich dazu bei, Schäden von Organisationen abzuwenden. Der Nutzen von Wissensmanagement liegt nicht unwesentlich im vermeiden von Schäden, die teilweise recht gut spezifiziert werden könnten.
Aktuelle Situation
-
Wissensmanagement lebt unter anderem Namen fort
Die vertiefende Forschung zum Thema Wissensmanagement hat schnell eine enorme Themenvielfalt innerhalb des Wissensmanagements offenbart. Diese Themenvielfalt hat zu Spezialthemen geführt, die heute teilweise als komplett eigene Forschungsrichtungen existieren. Als Beispiel sei hier das Kompetenzmanagement angeführt. Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen sind wesentliche Bausteine im Wissensmanagement, während Kompetenzmanagement heute als eigenes Managementthema in Unternehmen existiert ohne das auch nur einmal auf das Thema Wissensmanagement Bezug genommen wird. Als weiteres Beispiel sei hier das Qualitätsmanagement, z.B. nach DIN ISO 9001 angeführt. In vielen Unternehmen seit vielen Jahren intensiv angewendet, bei näherer Betrachtung als ideales und umfassendes Wissensmanagement-System zu bezeichnen, jedoch in kaum einem Unternehmen als Wissensmanagementsystem erkannt und genutzt. Diese Liste könnte noch beliebig fortgeführt werden. Aufgrund verschiedener globaler Trends ist auch heute Wissensmanagement aktueller denn je. Bei der Analyse der verwendeten Wissensmanagement-Konzepte sollte man deshalb auf jeden Fall vorhandene Management-Instrumente dahingehend untersuchen, wie sie dazu beitragen einzelne Funktionen des Wissensmanagements zu unterstützen. Sie werden überrascht sein, wie weit verbreitet Wissensmanagement unter dieser Betrachtung ist. Wissensmanagement lebt, nur oft unter ganz anderem Namen.
-
Kaum eine wissenschaftliche Weiterentwicklung im Thema
Betrachtet man sich die wissenschaftlichen Publikationen zum Kernthema Wissensmanagement, so gibt es kaum nennenswerte aktuelle wissenschaftliche Publikationen, die grundlegend neue Erkenntnisse über das Thema Wissensmanagement bringen. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen zu Teilthemen wie dem Kompetenzmanagement, oder IT-gestützten Ablegern wie Wiki’s. Jedoch finden sich keine Veröffentlichungen, die versuchen, diese Teilthemen wieder zu einem handhabbaren Gesamtkonzept zusammen zu führen. Dies dürfte auch ein Grund dafür sein, dass Wissensmanagement in Unternehmen heute nicht mehr die Aufmerksamkeit hat, wie vor einigen Jahren. Für Unternehmen fehlt ein handhabbarer Ansatz, um Wissensmanagement mit anderen wichtigen Managementtrends zu kombinieren. Mit dem Anspruch der Forschung immer neue Aspekte zu entdecken, werden bisherige „Best-Practise-Ansätze“ oft außer Acht gelassen. -
Fehlender integrativer Ansatz
Praktikern aus Unternehmen führen den fehlenden integrativen Ansatz als einen wesentlichen Grund für das rückläufige Interesse am Thema an. Unternehmen müssen sich heute mit vielen verschiedenen Themen auseinander setzen und haben neben ihrem Tagesgeschäft keine Zeit, selbst ein stimmiges Gesamtkonzept zu entwickeln, wo und wie Wissensmanagement in andere Managementansätze integriert werden kann. Unternehmen scheuen bestehende Konzepte, besonders wenn sie sich bewährt haben, einfach zu ersetzen. Wichtig für die Zukunft des Wissensmanagements ist es deshalb, definierte Schnittstellen zu anderen existierenden Methoden zu liefern und die Integration zu unterstützen. Die Erfahrung zeigt auch, dass die Bereitschaft von Unternehmen deutlich steigt, wenn klare Ansätze zu bestehenden Systemen und Ansätzen aufgezeigt werden können. Damit werden vorherige Investitionen und Erfahrungen nicht über Nacht wertlos, sondern können weiter genutzt werden, um eine kontinuierliche Weiterentwicklung zu erzielen und Investitionen zu sichern.
Mögliche Zukunft des Themas
-
Wissensmanagement als Querschnittfunktion
Wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, kann die Integration des Wissensmanagements in vorhandene Systeme ein Erfolgskriterium sein, vor allem vor dem Hintergrund, dass alle Unternehmen den richtigen Umgang mit Wissen immer noch als wesentliches Erfolgsfaktor einschätzen. Dazu wird es aber notwendig werden, die Schnittstellen zu Systemen wie dem Qualitätsmanagement, dem Risikomanagement, dem Kompetenzmanagement oder dem Prozessmanagement ganz klar zu zeigen. Weiterhin ist es notwendig innerhalb dieser vorhandenen Systeme die Aspekte heraus zu arbeiten, die klar dem Wissensmanagement zuordenbar sind. Ohne eine Querschnittfunktion „Wissensmanagement“ in Unternehmen besteht die Gefahr, dass die Besonderheiten wie die vorwiegende „Immaterialität des Wissens“ und damit verbundene Besonderheiten in den bestehenden Konzepten zu wenig berücksichtigt werden. Als weiterer Grund für eine Querschnittfunktion des Wissensmanagements spricht die Vielfältigkeit des Themas. Wissensmanagement kann nicht auf einzelne Unternehmensbereiche oder Themenfelder beschränkt bleiben, um erfolgreich zu sein. Es ist notwendig, dass die grundsätzliche Denkweise in allen Bereichen etabliert und ständig weiter entwickelt wird. Andererseits kann nicht jede Teilfunktion ein ausreichendes Grundwissen im Wissensmanagement mitbringen, um die Besonderheiten unternehmensspezifisch zu adaptieren.
-
Wissensmanagement als Sammelbegriff für ein Vielzahl von Einzelthemen
Auch bei einer Weiterentwicklung des Themas Wissensmanagement wird sich die Entwicklung hinzu speziellen, parallel laufenden Einzelthemen fortsetzen, was aufgrund der Komplexität dieser Einzelthemen ja durchaus auch Sinn macht. Trotz der Notwendigkeit nach einem integrativen Ansatz und der Forderung von Wissensmanagement als Querschnittfunktion ist diese Spezialisierung notwendig und hilfreich. Dennoch sollte dabei immer wieder der Versuch unternommen werden, die Anschlussfähigkeit zu bestehenden Themen sicher zu stellen. Wenn Wissensmanagement dann als umfassende Klammer für die Einzelthemen begriffen wird, kann in dem Wechsel zwischen Generalität und Spezifität durchaus ein wesentlicher Mehrwert entstehen.
-
Klare Nutzen- / Schadensbewertung notwendig.
Auch, beziehungsweise gerade bei immateriellen Themen wie dem Wissen ist eine klare Beschreibung des Nutzen, beziehungsweise des möglichen Schaden notwendig. Dies wird notwendigerweise auch wieder stärker zum Thema „Wissensbewertung“ führen. In jedem Unternehmen wird sehr bald immer die Frage auftreten, was nutzt Wissensmanagement. Die Wissenschaftler, aber auch die Praktiker sollten sich nicht mehr mit allgemeinen Aussagen aufhalten, sondern den Nutzen / Schaden quantifizierbar darstellen. Möglichkeiten dazu gibt es durchaus, wenn man sich an bestehenden Ansätzen orientiert, wie wir in einem unserer nächsten Beiträge zeigen werden. Wenn der Nutzen des Wissensmanagements in Euro oder anderer, allgemein-verständlicher Werte ausgedrückt werden kann, wird die Akzeptanz des Themas deutlich steigen.
Zusammenfassung
Obwohl die erste Euphorie zum Thema abgeflacht ist, sind wir weit davon entfern, dass das Thema Wissensmanagement wirklich tot ist. Außerdem besagt ein Sprichwort, dass „totgesagte länger leben“. Es lebt zunächst in einer Vielzahl von benachbarten Themen weiter. Hier muss immer wieder der Versuch unternommen werden, die wesentlichen Wissenselemente heraus zu arbeiten und zu einem stimmigen Gesamtkonzept zu synchronisieren. Wie bei vielen anderen Managementansätzen kehrt auch beim Wissensmanagement eine gewisse Normalisierung ein. Diese Normalisierung findet in konkreten Beispielen in der Praxis statt und entzieht sich oftmals der großen öffentlichen Aufmerksamkeit. Wenn es aber den Anhängern des Themas nicht gelingt, einen nachweislichen, transparenten, bewertbaren Nutzen zu vermitteln, stellt sich wirklich die Frage was Wissensmanagement bringt. Wenn diese Frage nicht zur Zufriedenheit beantwortet werden kann, wird auch das Wissensmanagement anderen, neuen Managementansätzen weichen.
Über Ihre Meinungen und Anregungen zum Thema freue ich mich.